Ich schaffe Skulpturen nach dem Vorbild von Proteinen, den universellen Bausteinen des Lebens. Ich bin nicht daran interessiert, ein Molekül in allen Einzelheiten zu kopieren. Mir ist vielmehr daran gelegen, ein Leitprinzip zu finden und diesem zu folgen, mit dem Ziel, ein von der Natur vorgegebenes Gebilde in eine künstlerische Form umzusetzen. Die allen meinen Proteinskulpturen zu Grunde liegende Idee ist die Analogie zwischen Gehrungsschnitten und Proteinfaltung. In allen Lebewesen vollzieht sich der Übergang von eindimensionaler DNA, dem fadenförmigen Erbmaterial, zu dreidimensionalen Körpern, indem Aminosäuren zu gewundenen Ketten, den Proteinen, verknüpft werden. Durch die Anwendung von Gehrungsschnitten und anschließendes Wiederzusammensetzen, lässt sich eindimensionales Baumaterial, wie z.B. Bauholz oder ein Stahlträger, in den Raum „falten“. Meine Technik entspricht der Effizienz und Ökonomie des Lebens, denn genau wie in der Natur geht dabei kein Material verloren, es werden nur Bestandteile auf neue Weise zusammengesetzt.
Ich habe das Gefühl, näher an der Natur zu sein, wenn ich ihre algorithmische Qualität nachempfinde, als wenn ich nur ihren Anschein kopiere. Meine Arbeit ist ganz wörtlich algorithmisch in dem Sinne, dass ich den Computer einsetze, um die Geometrie meiner Skulpturen aus wissenschaftlichen Proteindaten zu berechnen. Neben dieser deterministischen Seite weist meine Arbeit jedoch eine in gleichem Maße intuitive und irrationale Seite auf. Hier hören meine Arbeiten auf, wissenschaftliche Modelle zu sein, und sie werden stattdessen reine Kunstobjekte. Ein Beispiel dafür ist meine Alpha Helix (2003), die aus dem 8 m langen Stamm einer Tanne besteht. Ich wich bewusst von einer geometrisch exakten Darstellung des spiralförmigen Proteinelements gleichen Namens ab, indem ich die Länge der Stücke proportional zur Verjüngung des Baumstammes verkürzte. Die Verstärkung kleiner „Fehler“ in Kombination mit der organischen Form des Baumes führten dazu, dass die Skulptur eine unerwartete Ähnlichkeit mit dem menschlichen Rückgrat aufwies. Das überraschende Aufkommen solch einer neuen Bedeutungsebene ist ein starker Antrieb für meine künstlerische Arbeit.
Die Struktur der Alpha Helix wurde 1951 von dem amerikanischen Wissenschaftler Linus Pauling entdeckt. Pauling, der in Portland (Oregon) geboren wurde, ist bis heute der einzige Empfänger von zwei ungeteilten Nobelpreisen (Chemie 1954 und Frieden 1962). Ich habe eine Skulptur zu Ehren von Linus Pauling gemacht (Alpha Helix für Linus Pauling, 2004), die vor dem Haus installiert wurde, in dem Pauling seine Jugendjahre verbrachte und das heute das Linus Pauling Center for Science, Peace and Health, den Auftraggeber der Plastik, beherbergt. Die Skulptur besteht aus einem über 6 m langen Stahlträger, der in 15 auf Gehrung geschnittene Stücke zerlegt, und anschließend zu einer 3 m hohen Spirale zusammengesetzt wurde.
Die meisten meiner Proteinskulpturen basieren auf für mich besonders reizvollen Proteinen. Beispiele jüngeren Datums sind ein Protein, aus dem die kugelförmige Hülle eines Virus besteht (Virus Kapsomer, 2003), oder die kleinste Einheit des Photosyntheseapparates in Pflanzen, der alles Leben auf der Erde mit Sauerstoff und verwendbarer Energie versorgt (Lichtsammelkomplex, 2003). Ein Protein von beeindruckender Schönheit ist das Grün Fluoreszierende Protein (GFP), dass ein Standardwerkzeug in der biologischen Forschung geworden ist (GFP, 2004). Mit diesem ursprünglich von einer Qualle stammendem Protein wurden grün leuchtende Tiere, wie z.B. Mäuse oder Kaninchen, geschaffen.
Ich bediene mich des reduktionistischen Zugangs der Naturwissenschaft, wandle aber ihre Funde in Kunstobjekte um. Wissenschaft muss trennen: Der Wissenschaftler muss sich von dem Objekt seines Interesses isolieren und es in seine Bestandteile zerlegen, um es objektiv analysieren zu können. Kunst dagegen verlangt vom Künstler eins zu werden mit dem Objekt, um es in ein Kunstobjekt zu verwandeln. Daher hat Kunst die besondere Fähigkeit, zu heilen, was getrennt wurde: Ein Kunstobjekt ist ein Objekt, dem ein Künstler Leben gegeben hat und die Fähigkeit in einem Betrachter zu leben. Meine Proteinskulpturen erlauben ein sinnliches Erlebnis einer Welt, die sonst nur unserem Intellekt zugänglich ist.
Julian Voss-Andreae, Mai 2004